// Ben Ziegler

Zug der Angst

Von Waggon zu Waggon und wieder zurück. In der Inszenierung „Wir haben die Angst gefressen“ geht es erstmal zu Fuß vom Pavillon  zum Hauptbahnhof, danach mit der Bahn zur Station „Hannover/ Messe/ Laatzen“ auf Gleis 11. Dort steht ein Zug. 

Die Zuschauenden werden entlang des Zuges zu einem Waggon geführt, in dem sie zwei Frauen, vier junge Männer und ein Hühnerkäfig erwarten. Die Frauen erzählen von ihrer Kindheit in ihrem Heimatland Syrien, die vier jungen Männern unterstützen spielend die Szenerie. Es geht um ihre Schulzeit und die strengen Regeln und Strafen der Lehrer*innen für das Zu-Spät-Kommen und die nicht erledigten Hausaufgaben. Die Darsteller*innen sprechen auf Deutsch und Arabisch, aber es ist darin kein eindeutiges System zu erkennen: Mal unterhalten sie sich untereinander auf Arabisch und übersetzen es dem Publikum auf Deutsch, mal reden mit den Zuschauenden auf Arabisch aber untereinander wieder auf Deutsch. 

Auf geht es in den nächsten Waggon. Es werden Szenen von Polizeigewalt beschrieben welche von einer, in Deutschland, unvorstellbaren Extremität zeugen: Ein Darsteller beginnt von Protesten zu erzählen, während ein Anderer so tut, als würde er Steine werfen und dem imaginierten Polizisten seine beiden Mittelfinger zeigt.

Wieder Wagonwechsel. Vor diesem werden die zuschauenden und darstellenden Frauen von den Männern getrennt. Es werden die Vorbereitungen, Teile der Feierlichkeiten während und nach einer Hochzeit unter Einbezug der Zuschauenden dargestellt. Es wird von den Darstellenden getrommelt und gesungen. Dann wird die Feier von Bombenanschlägen unterbrochen, dargestellt durch das Schlagen an die Wagonwände.

 
Es geht in den nächsten Waggon: Hier wird von der Wohnsituation in den syrischen Gebieten erzählt und von der Beerdigung eines Widerstandskämpfers, der einem Bombenanschlag zum Opfer viel. 

Auf den letzten Waggon setzen sich die Darstellenden mit Schwimmwesten. Sie erzählen von den prekären Umständen, unter denen die Flucht nach Europa über das Mittelmeer verläuft, von dem kaputten Motor ihres Schlauchboots und dem drohendem Tod, der ihnen bevorstand.

Den Zuschauenden werden Eindrücke über das Leben und Zusammenleben, die kulturellen Bräuche und Feste und im Kontrast dazu Geschichten über Proteste, Inhaftierungen und Kriegszustände aus dem Heimatland der Darstellenden vermittelt.
Die Zuschauenden werden immer wieder in die verschiedenen Szenen hineingeworfen,  ihnen werden immer wieder Bilder aufgezwängt, in denen sie sich zurecht finden müssen wie die Darstellenden in den Kriegszuständen in Syrien. 

Dann geht es die ganzen Waggons wieder zurück. Und noch weiter. 
Die Zuschauenden kommen an Waggons vorbei, in denen Schreibtische stehen, Schlafkabinen erkennbar sind, bis sie schließlich zu einem Abteil mit gedeckten Tischen gelangen, an die sie sich setzen sollen. Es wird zum Sprechen über die Inszenierung untereinander und mit den Akteur*innen eingeladen. 
Während die komplexen Themen, die das Leben der Darstellenden betreffen, das Publikum in den Bann ziehen, ist die theatrale Umsetzung an mancher Stelle ästhetisch widersprüchlich: Pantomimisches Darstellen von Essen oder Teetrinken wirkt im Gegensatz zu dem performativen Ansatz vieler Szenen eher schwach. Doch die Produktion überzeugt mit der Vermittlung des Horrors, den Menschen in Syrien erlebten und der Flucht, die sie durchleben mussten. Gleichzeitig wird die Frage nach der Flüchtlingspolitik aufgeworfen, ohne sie jedoch explizit zu benennen oder Forderungen zu stellen.   

Ben Ziegler studiert Szenischen Künste an der Universität Hildesheim und befasst sich mit den verschiedenen Formensprachen der Theaterlandschaft. Zuvor arbeitete er in unterschiedlichen freien Theaterkontexten in Hamburg und Flensburg.