// Nele Rennert und Tim Ingwersen

Sündenbock Social Media?

Ein Abend, 6 Tänzer*innen. 3 Männer, 3 Frauen. Kein Bühnenbild. Nur weißer Tanzboden und Lichtstimmungen. Menschen. In weiß und beige gekleidet. Allein mit sich, ihrer Illusion von sich selbst. Und natürlich dem Publikum. Alles ist perfekt durchchoreografiert. Jede Bewegung benennt in seiner Abstraktheit die Zerrissenheit des Sein-Wollens und -Sollens und -Inszenierens wie es mit Sprache nicht besser möglich gewesen wäre. Fließend drehende Bewegung gemischt mit verdrehten Körperteilen, geschmeidig und doch absurd zombiesk.

Die Tänzer*innen treten in verschiedensten Konstellationen auf. Sprechen kein Wort. Präsentieren sich. Inszenieren sich, versuchen die bestmögliche Version ihrer selbst zu sein, die so wunderbar absurd ist - und darin leider erschreckend wahr. Erfrischend unplakativ behandelt das Stück fundamentale Fragen des menschlichen Wesens und Lebens in der Gemeinschaft. Es ist ein dauerhafter Kampf, sich selbst, die Mitstreiter*innen zu übertrumpfen.

Sie stoßen sich gegenseitig in Bewegungen hinein und sind überrascht, wenn der Gegenüber nicht mehr kämpfen, sondern plötzlich Nähe möchte. Und das ist die Krux an der ganzen Sache der Selbstinszenierung, welche in "Gala" treffend auf den Punkt gebracht wird. Plötzlich fällt jemand in die Arme des Konkurrenten, der damit vollkommen überfordert ist, versucht ihn schnell wieder aufzustellen, bloß den Schein zu wahren, den Kampf, die Reibung, das Profilieren, doch bitte im wahrsten Sinne des Wortes aufrecht zu halten. Und dann liegen er oder sie in den Armen und es muss entschieden werden, wie man mit der unvorhergesehenen Nähe umgeht. Denn Nähe droht das Kartenhaus der Selbstinszenierung zum Einsturz zu bringen.

 Folglich sind sie gehetzt, möglichst authentisch, vollkommen gezwungen. Selbst der Moment der Menschlichkeit, in der ein Teil des Backstagebereichs enthüllt wird und die Darsteller*innen Pause zu machen scheinen, ist durch und durch gesetzt und in seiner Künstlichkeit präsent. So zieht es sich bis zum Applaus, der Verbeugung, der zweiten Verbeugung. Spätestens jetzt merkt man, dass der Applaus zum Stück gehört. Ich fühle mich als zuschauende Person vorgeführt. Bejubele ein Ensemble für ihre großartige Arbeit, einen bereichernden Abend, eine außerordentliche Leistung. Möchte in einen Dialog treten. Doch es kommt nichts zurück, kein Lächeln, kein Dank, keine Verbindung, vor der sich in diesem Stück fast alle Akteur*innen grundsätzlich zu fürchten scheinen. Ich werde Teil des Prozesses und meine anfängliche Wut beginnt sich in Begeisterung zu verwandeln. Ich bin derjenige der Selbstdarstellung in inszenierter Bescheidenheit betreibt, sich profiliert durch gutmütig verschenkte Aufmerksamkeit. Teil der Gesellschaft. Adressat der Kritik.

Beim Abgang der Tänzer*innen fällt eine von ihnen zu Boden. Sie bleibt liegen und die „Zugabe“, wie auf einem großen Schild zu lesen ist, beginnt. Ein Epilog mit aus dem Off gesprochenem Text. Und dieser Text ist es, an dem ich mich reibe. Bis hierhin, war die Inszenierung grandios in der Ballance zu sagen, was sie sagen will, ohne Klischees abzubilden. Und nun wird mir nochmal alles gesagt, was ich bis hierhin vielleicht nicht verstanden habe. Und das kratzt an meinem Ego. Hier, liebes Publikum, ist nochmal alles, was ihr die letzte Stunde über gesehen habt. Damit auch nichts unter den Tisch fällt. Aber das nimmt dem Publikum die Möglichkeit, darin sehen zu können, was es darin sehen möchte.

Leider wurde in diesem Zuge außerdem das für sich vollkommen allein stehen könnende Thema des gesellschaftlichen Zwangs zur Profilierung und Selbstverschleierung in der Hoffnung, die Person zu sein, die man glaubt sein zu wollen, weil sie am meisten akzeptiert werden würde, durch das Trendthema unseres Jahrzehnts ergänzt. Und so schwebte plötzlich, vollkommen unnötiger Weise, das Horrorwort aller Strickwesten im Raum. Social Media.

 Und ja, Social Media ist ein Auswuchs dieser Thematik. Aber gleichzeitig führt dieses „Namedropping“ für mich zu einer Schuldzuweisung, einer Sündenbockfindung, die irreführend und destruktiv für die Komplexität der Thematik ist, die bisher so wunderbar für sich stand und nun mit einem Schlag spezifiziert und in eine Richtung gekippt wurde, die den Abend für mich ein Stück weit zu banalisieren scheint.

Nele Rennert studiert Darstellendes Spiel und Visuelle Kommunikation an der Hbk Braunschweig. Sie arbeitet als freie Theaterpädagogin und Gestalterin und betreibt einen Shop für eigenhändig produzierten Schmuck. Ihr peinlichstes Erlebnis fällt ihr gerade nicht ein und wenn sie Kinder hätte, würde sie sie Madita nennen. Alle.

Tim Ingwersen studiert Darstellendes Spiel und Kunstwissenschaft an der Hbk Braunschweig. Er arbeitet freiberuflich als überaus gefragtes Model und fragt sich selbst oft, warum er nicht einfach von seinem enormen Reichtum sein Leben genießt, anstatt ganz kleinbürgerlich zu studieren und in einer WG zu wohnen. Katzen sind nicht seine Lieblingstiere.