// Anna-Maria Buchgraber

Maybe I said too much

Eine schlichter, leerer, weißer Tanzboden, von drei Seiten mit Scheinwerfern beleuchtet, empfängt den Zuschauer. Es tauchen sechs weiß gekleidete Tänzer_innen auf, die beginnen, sich mit starrem Blick, puppenhaft zur Musik zu bewegen. Ab und zu fällt einer aus der Reihe. Sie verdrehen ihre Körper, dabei bleiben ihre Bewegungen jedoch stets weich und sanft. Die Formation ändert sich, plötzlich sind nur noch zwei Männer da, die sich gegenseitig umtänzeln, dabei immer in Verbindung miteinander bleiben. Das ist es auch, worum es an dem Abend geht: eine zwischenmenschliche Verbindung. 

Im ersten Teil von “Gala!”, wirkt alles etwas aufgesetzt, künstlich, puppenhaft, krampfhaft, angestrengt. Man sieht verschiedene Konstellationen der Tänzer_innen, die sich zu zweit, zu dritt oder zu sechst auf der Bühne miteinander bewegen und sich aufeinander beziehen. Es geht um den Zwang, perfekt sein zu wollen und es doch nicht zu schaffen, immer wieder aus der Gruppe, aus dem Rahmen zu fallen. Die Tänzer_innen präsentieren sich gegenseitig, einzelne werden von den anderen Tänzer_innen beklatscht und bewundert. Während die anderen sich begeistert gegenseitig darbieten, zieht sich eine etwas vorsichtig und unsicher aus Gruppe der Bewunderer heraus. 

Felix Landerer zeichnet ein Bild der Selbstinszenierung des Menschen, wie man sie aus dem Leben kennt. Er taucht dabei weit unter die Oberfläche. Der Abend besteht aus klaren, stark präzise gearbeiteten Formationen, die immer wieder auftauchen und das Netz bilden, durch dessen Löcher die Tänzer_innen immer wieder fallen. Manchmal werden sie von den anderen Tänzern wieder in die Gruppe integriert, aber manchmal werden sie auch übersehen. Wie man später im Stück feststellen wird, ist das eine passende Metapher für die perfekte Welt der Social Media, in der es darum geht, ein möglichst makelloses, fehlerfreies Bild von sich zu präsentieren. In dem Tanzstück befinden sich die Tänzer_innen in unterschiedlichen Konstellationen auf der Bühne, in größeren und kleineren Gruppen. Diese bewegen sich oft kreisförmig. Beziehungen zueinander werden aufgenommen, abgebrochen. Nach einer weiteren perfekten Formation, im grünen Licht, steigen immer mehr aus der dreieckig angeordneten Formation aus. Lichtwechsel. Ein Vorhang wird zur Seite gezogen und man sieht sie dahinter, privat miteinander reden. Als das Geräusch von klappernden Absatzschuhen einer Dame ertönt, straffen drei Männer in der Mitte der Bühne ihren Oberkörper und stolzieren wie um Aufmerksamkeit buhlende Hähne umher. Sie überbieten sich gegenseitig in ihrer Wichtigtuerei, die in einem Leistungsdruck ausartet, der sie in ihrer Selbstdarstellung gegeneinander aufhetzt.

Nach der Pause stehen die sechs Tänzer akkurat in einer Reihe und bewegen sich zügig vor und zurück. Eine der Tänzer_innen trägt nun ein golden schimmerndes Ballkleid. Sie wirkt unnahbar und schnell entwickelt sich in der Gruppe eine Eigendynamik, bei der sie von allen die größte Aufmerksamkeit erlangt und von vielen Seiten angehimmelt wird. Ihre schillernde Welt bricht zusammen, als die anderen Tänzer plötzlich weggehen und sie schließlich alleine auf der Bühne steht. Die Musik stolpert, sie sinkt in den Boden. Sie zieht ihr Kleid aus, entledigt sich damit ihrer schützenden Hülle, zeigt dem Publikum ihre Achseln, die Beine, den Bauch. Dabei blickt sie kritisch, als würde sie sich selbst in einem Spiegel betrachten. Dadurch entsteht eine überraschende Nähe und Intimität in diesem Moment. Ein weiterer Tänzer kommt hinzu, sie zeigt ihm ihren Körper. Er guckt etwas peinlich berührt zur Seite, will ihren Körper nicht sehen, beginnt stattdessen, selbst ausladende Bewegungen zu machen und sich tanzend von ihr wegzubewegen. Sie nimmt resigniert ihr Kleid auf und verschwindet leise. Die anderen Tänzer kommen und beklatschen lautlos den Spagat, den der Tänzer macht.

Im nächsten Moment rennen sich zwei gegenseitig hinterher, wollen miteinander losgehen, schaffen es aber nicht, weil jeweils einer dabei hintenrunter fällt. Daraufhin steht ein Tänzer im blauen Scheinwerferlicht, welches an das blaue Licht eines Handys im Dunklen erinnert, macht Wischbewegungen, schüttelt den Kopf, wischt sich die Augen. Wieder treten alle Tänzer_inne in der starren Formation auf, die schon am Anfang da war, tanzen den präzisen Tanz der Selbstdarstellung, um sich anschließend gegenseitig zu applaudieren. Es entsteht ein Moment, der aussieht, als wäre das Stück vorbei – alle Zuschauer klatschen. Aber etwas stimmt noch nicht. Eine der Tänzer_innen fällt aus der Reihe. Die anderen helfen ihr wieder auf. Eine andere zeigt ein Schild, auf dem steht: “Zugabe”. Das Publikum gehorcht den Regeln der Anerkennung.

Was das alles soll, bemerkt man erst jetzt, als ein englischer Text eingesprochen wird. Es geht um eine Verbindung. Darum, dass wir denken, wir wären tatsächlich ständig miteinander verbunden, obwohl wir nur statt wirklicher Anerkennung, täglich tausende Likes und retuschierte Bilder von uns miteinander austauschen. Kann diese Art von Kommunikation gegenüber dem Anderen eine echte und wahrhaftige Begegnung sein? Warum ist es so schwer, eine echte Verbindung zu seinem Gegenüber herzustellen? Weil man sich seinem verletzlich macht. Wem sollte man diese Verletzlichkeit zeigen? Und in welchem Moment?Zeitgleich, zu dem Audiotext, streicheln sich zwei Tänzer_innen auf der Bühne. Es ist ein Kampf zwischen dem Zeigen der eigenen Verletzlichkeit und der Maske der glatten Oberfläche.

“Gala!” ist ein präzise beobachteter, poetisch gezeichneter, ehrlicher und etwas melancholischer Abend. Er zeigt uns das Abbild unserer Selbst, bzw. das, was am Ende übrig bleibt, wenn man die Aufgeblasene Selbstdarstellung wegnimmt. Und zum Schluss der Satz: “maybe I said too much.”

Anna-Maria Buchgraber studiert Darstellendes Spiel und Anglistik an der HBK und der TU Braunschweig auf Lehramt Gymnasium. Sie arbeitet als freie Theaterpädagogin, Performerin und Projektleitung der VIELE_SOPHEN und interessiert sich besonders für den Ursprung der Dinge. Sie schätzt am Theater besonders, dass es nie greifbar bleibt und immer anders ist.