// Madita Eggers

Ein Homerun gegen Rassismus

Eine schwach beleuchtete Bühne, zwei Gestalten stehen in roten Baseballjacken mit dem Rücken zum Publikum. Rockige Musik ertönt: Der Klang von Bass und E-Gitarre begleitet die Zuschauer zu ihren Plätzen. Hinter ihnen laufen auf einer Leinwand gelbstichige Aufnahme von Kamelreitern und Frauen mit Kopftüchern, die Baseball spielen.

Die Einleitung des Stückes "Home.Run" von der Agentur für Weltverbesserer, stellt gleich klar: Wir blicken in ein fremdes Land. Und damit sind keine Urwälder oder komisch geformte Früchte gemeint, sondern Eindrücke eines Landes, einer Kultur, vielleicht auch eines Klischees, die man so nicht kennt: Autor und Hauptperformer (Samir) Hartmut El Kurdi erzählt die Migrationsgeschichte seiner multikulturellen Familie. Dafür nutzt er Off-Stimmen, Filme, Fotos und die Musik. Seine Mutter ist Deutsche, die nach mehreren Jahren in England und durch die Vermählung mit einem jordischen Offizier, grotesker Weise die deutsche Staatsbürgerschaft neu beantragen musste: "Doppelstaatsbürgerschaften gab es damals noch nicht."

El Kurdi begrüßt das Publikum mit den arabischen Worten "Ich kann kein Arabisch, obwohl ich aus Amman in Jordanien komme" (Untertitel erscheinen auf der Leinwand). Als kleiner Junge zieht er nach der Scheidung seiner Eltern wieder nach Deutschland und verliert den Kontakt zu seiner arabischen Familie, bis zu seiner Recherche im vergangenen Sommer. Er skypt mit seinen Verwandten in Amerika, besucht seine Cousine in England und befragt andere multikulturelle welcher Nationalität sie sich zugehörig fühlen. Das alles geschieht auf der großen Leinwand. Am rechten Bühnenrand ensteht auf einer weiteren Leinwand einer Art Stammbaum. Nach und nach ergänzt seine Mitspielerin Maria Rothfuchs Fotos seiner Verwandten, deren Geschichte er gerade erzählt.

Auf dem Boden verbindet El Kurdi mit Kreide vier unterschiedlich große, runde Kunstrasenteppiche. Diese werden zu Eckpunkten eines Vierecks, die je eine Station in der Reise seiner Mutter darstellen. Mit humorvoller Art, meist an einem orangen Klapptisch sitzend, führt er durch die Geschichte seiner Familie. Stoppt allerdings, als er sechs Jahre alt ist. Gerne hätte man noch mehr erfahren: Wie war es für ein jordanisches Diplomatenkind, erst vier Jahre in England zu leben und dann in "sozial demokratischen" Verhältnissen in Deutschland neu anzufangen? Die Intention hinter seiner Recherche wird dem Zuschauer nicht ganz klar.

Klar wird jedoch, wie lächerlich es ist, jemanden aufgrund seiner Herkunft zu charakterisieren. Die meisten sind nie einfach nur ″Deutscher" oder "Jordanier". Viele Menschen macht gerade ihre multikulturelle Herkunft aus. Dies macht die Inszenierung auf humorvolle Weise und in einer spannenden Art des Erzähltheaters deutlich: Liebevoll gestaltete Landkarten, gesungene Elemente und die Bildhaftigkeit lassen den Zuschauer in das Leben der anderen eintauchen.

Am Ende fallen mehrere Baseballbälle von der Decke: Einen Homerun gibt es eben doch nur im Sport.

 

Madita Eggers hat Deutsch und Philosophie an der Universität Göttingen studiert und arbeitet derzeit als freie Mitarbeiterin beim Göttinger Tageblatt. Das Bloggen vereint ihre Leidenschaft fürs Theater und für das Schreiben.