// Denise Frerichs

Eine Aneinanderreihung von Unsicherheiten

Die Bühne ist leer, hinten und an den Seiten von schwarzen Vorhängen umrahmt. Helle Gestalten am hinteren Bühnenrand schreiten langsam und mit ausdruckslosen Gesichtern auf einen zu. Zuerst in einer waagerechten Linie reihen sie sich hintereinander ein, bilden verschiedene Formationen. Sie bewegen sich fließend mit ruckartigen Kopfbewegungen zur Musik, oft entstehen Bewegungen durch den Impuls der MittänzerInnen. Alle sind voneinander abhängig. Immer wieder sacken sie in sich zusammen, verdrehen ihre Hand- und Fußgelenke als seien sie gebrochen. Zwar wird ihnen von den anderen aufgeholfen, jedoch werden sie vielmehr wie Objekte vom Boden aufgehoben und wieder auf die Beine gestellt. Und es wird sofort weitergetanzt. Das Geschehen wiederholt sich und es wird klar: Es ist egal, wer fällt. Es ist egal, wieso. Aufstehen und weiter geht’s. Denn nur so funktioniert der Tanz des Ganzen, nur so können Impulse weitergegeben werden wie Zahnräder, die ineinander haken. So eröffnet Gala!, die Tanztheater-Inszenierung der Gruppe Landerer&Company.

Das Motiv der Abhängigkeit tritt auch in den weiteren Tanzsequenzen auf. Zwei Tänzer kämpfen in einem Tanzduett um Macht. Während einer der beiden mit spannungsvollen Bewegungen überzeugt, kann sich der andere nur unkontrolliert bewegen als seien seine Knochen in Armen und Beinen gebrochen. Sobald er Kontrolle über seinen Körper gewinnt, ist es nun der erste, dessen Glieder weich werden. Die Botschaft scheint zu sein: Du kannst nur gut sein, wenn andere schlecht sind. So tanzen auch die darauffolgenden drei Tänzerinnen ohne Rücksicht auf Verluste. Fällt eine zu Boden, tanzen die anderen weiter. Wer versucht, der am Boden liegenden zu helfen, wird mit hinuntergerissen. Am besten scheint es in diesem Fall, sich auf sich selbst zu konzentrieren, egal, ob andere dabei auf der Strecke bleiben. Nur in der synchronen Gruppenchoreographie funktioniert das Beisammensein, wenn alle gleich sind und niemand versucht, herauszustechen.

Ein Höhepunkt findet statt, als eine Tänzerin in einem langen Kleid auf die Bühne tritt und sich somit von den weiteren in schlichten beigen und weißen Stoffklamotten gekleideten TänzerInnen abhebt. Sie steht im Fokus der nun beginnenden Performance, wird von den anderen angepriesen und begehrt, bis sie sich schließlich von allen eng umkreist wiederfindet. Im nächsten Moment steht sie allein auf der Bühne und sackt in sich zusammen. Die Musik stoppt. Jeder Versuch aufzustehen scheitert. Ohne die Aufmerksamkeit der anderen scheint sie sich nicht aufrecht halten zu können. Vielleicht ist es aber auch bloß ihre Selbstdarstellung, die verschwindet, sobald niemand mehr anwesend ist, vor dem sie sich beweisen muss. Erst nachdem sie das Kleid langsam ausgezogen hat, schafft sie es, sich wieder auf die Beine zu stellen. Sie zieht sich eine Spange aus den Haaren, erscheint glücklicher als zuvor. Vollends befreien konnte sie sich allerdings nicht, denn nun beginnt sie, ihren Körper zu betrachten, zu schauen, ob er den gesellschaftlichen Forderungen entspricht. Ist sie rasiert? Ist ihr Bauch zu dick? Ihre Beine? Ist sie bereit, ihren Körper zu zeigen – so wie er ist? Ein anderer Tänzer betritt die Bühne. Die Tänzerin greift nach dem Kleid, um sich dahinter zu verstecken, und es wird klar: Die Antwort lautet Nein.

Eine Aneinanderreihung von Unsicherheiten basierend auf den fremden sowie eigenen Erwartungen. Wie realitätsnah ihre Performance ist, verdeutlicht die Gruppe, indem ein Teil des Vorhangs in der Mitte des Stücks beiseitegeschoben wird. Der Blick fällt auf die Tänzerinnen, die hinter der Bühne schwitzend Pause machen, und die Tänzer, die sich umziehen und sich noch auf der Bühne ihre Hemden zuknöpfen. Der dargestellte Druck ist keine Inszenierung, sondern Realität. Anders als die Tänzerin im Kleid entscheidet sich die Gruppe nun allerdings dafür, sich selbst zu offenbaren, das zu zeigen, was hinter zugezogenem Vorhang stattfindet. Dieser Realitätsbezug hätte gern weiter ausgeführt werden können. Zu schnell fiel der Vorhang wieder zu und der Übergang wirkte abgehackt. Trotzdessen gelingt es Choreograph Felix Landerer, das Gefühl der Abhängigkeit von den Mitmenschen, den Leistungsdruck und die daraus resultierenden eigenen Ansprüche ganz ohne Worte zu vermitteln. Die TänzerInnen setzen dies mit großem Talent um und überzeugen mit ihren skurrilen Bewegungen und viel Körpergefühl. Zwei anregende Fragen ziehen sich durch die gesamte Performance: Was von mir kann ich zeigen und wem kann ich es zeigen, um nicht wie die fallenden TänzerInnen am Boden liegen zu bleiben?

Denise Frerichs studiert Deutsche und Englische Philologie an der Georg-August-Universität Göttingen. Nebenbei ist sie am Theater im OP, dem Göttinger Universitätstheater, tätig. Dort hat sie im Rahmen des Studiums bereits verschiedene Kurse des Berufsfeldbezogenen Profils „Theaterpraxis“ absolviert sowie selbst gespielt.