// Aaron Fiess

Bassgedonner auf Matratzenlager

 

Wie könnte eine Inszenierung funktionieren, die das schwierige Thema „Krieg“ verhandelt und Kinder und Erwachsene gleichermaßen anspricht? Das Team von "Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor " scheint eine bestimmt Idee zu verfolgen.

Die Inszenierung basiert auf dem gleichnamigen Buch. Es geht um das Mädchen Toda, ihr Vater muss in den Krieg, die Großmutter kümmert sich um sie. Irgendwann erreicht der Krieg auch das Dorf von Toda und sie wird von ihrer Großmutter zu ihrer Mutter geschickt, die in einem Nachbarland lebt. Auf Todas Reise und was sie so erlebt ist das Augenmerk dieses Stückes gerichtet. Die Szenen und Dialoge sind simpel gehalten. Keine schwierigen, ewig langen Dialoge, keine versteckten Details, die man erst nach dem zehnten Mal sehen erkennt. Die Hauptfigur Toda wurde auf zwei Personen aufgeteilt, wobei die eine Frau (ja, zwei ausgewachsene Frauen spielen Toda, später mehr dazu) immer Toda spielt und die andere abwechselnd auch mal in andere Rollen schlüpft. Aber immer, wenn es zwei Todas gibt, wird es interessant, denn beim Nachgespräch zeigt sich, jeder interpretiert die zwei Todas anders. Zeigt der Abend so, dass jedem Todas Schicksal passieren kann? Zeigt es ihr inneres Ich? Die Antwort muss jeder selbst herausfinden.

Auch das Bühnenbild der Inszenierung ist interessant. Es sind verschieden angemalte Matratzen. Manche Matratzengroß, manche Kopfkissengroß. Wenn man reinkommt liegen sie auf einem Stapel aufeinander, mauerartig. Die Matratzen werden verschieden gestapelt, gelegt, gestellt, geworfen um die unterschiedlichen Schauplätze des Stückes darzustellen. Ein Beispiel. Aus drei der Matratzen und der anfänglichen Matratzenmauer wird ein Haus gebaut (so wie man das aus Kindertagen noch kennt), Oma und Toda kauern sich darin zusammen. Alles dunkel, Blitze zucken auf, ordentliches Gewummer vom Bass, ein Soldat marschiert. Der Krieg ist da.

Gewummer von Bass? Ja, der Bass ist ständiger Begleiter in diesem Stück. Ständig spielt er eingängige Melodien. Kräftige Melodien. Sie zeugen von Krieg, Mut und dem Wunsch auf Hoffnung. Manchmal wird gesungen. Schallend durchbricht die Stimme des Sängers die beklemmende Melodie. Ein Aufruf in der Stille des Basses. Das ist nicht Musik, die zum Stück spielt. Diese Musik gehört zum Stück, wie die Stimme zum Menschen.

Apropos Menschen. Das Stück wird aus der Sicht Todas beschrieben und daher ist alles etwas kindlicher. Es geht manchmal hoch umher, aber brutal wird es nie. Das Stück ist ein bisschen, wie wenn man den Erzählungen älterer Leute zuhört, wenn sie erzählen, wie es war als junges Mädchen oder Junge im Krieg. 

Das eigentliche und vermutlich größte Problem ist die Besetzung Todas. Sie wird von zwei Frauen gespielt, die schon sehr viel Erfahrung im Theater haben. Das sieht man ihnen an. Man ist es zwar gewohnt bei Kinderstücken, dass meistens ältere Leute die Rollen besetzen, aber irgendwie ist es trotzdem komisch. Einmal spielt die eine Frau Toda, im nächsten Moment die Oma. Da liegen 50/60 Jahre zwischen diesen Rollen, die von ein und derselben Person gespielt werden. Das irritiert. Vor allem wenn man bedenkt, dass das Stück international gespielt werden soll, stellt sich die Frage: Wie viel Kind ist noch in einem erwachsenem Menschen und wie sehr können sich Kinder mit Erwachsenen in Kinderrollen identifizieren? 

Aaron Fieß studiert Politikwissenschaft und Philosophie an der Georg-August-Universität in Göttingen. Nachdem er in der Schule bereits an einigen Produktionen als Schauspieler beteiligt war, wollte er eigentlich Schauspiel studieren, wurde allerdings nie irgendwo angenommen. Nun versucht er sein Glück auf der anderen Seite des Spielfeldes und schreibt über das, wovon er eigentlich hätte Teil werden wollen.