// Johanna Marie Großmann

Ambivalente Komfortzone

Weiß – Eine Hand. Schwarz – Wir gehen. Orange – Der Wind. Blau – Ich bin allein. Ich durchlaufe Stationen eines fremden Lebens, während eine Stimme von Sicherheit, von Angst, vom Ungewissen erzählt. „Wenn du die Augen öffnest, siehst du, was ich sehe“. Schritte auf Asphalt. Eine Kirchturmuhr schlägt. Vögel zwitschern. Kinder lachen. Wir gehen über eine Straße. Mit verbundenen Augen und Kopfhörern auf den Ohren lasse ich mich lenken. Ein sanfter Händedruck: wir gehen nach rechts. Ein zaghaftes Ziehen: wir gehen nach links. In der Imagination baut sich langsam eine vertraute Umgebung auf, um im nächsten Moment wieder zu verschwinden.

In welcome to the comfort zone verlassen die Teilnehmenden die Komfortzone des Zuschauerraums und begeben sich auf eine Bühne für sich selbst. Spielen ohne zu sehen, was sie eigentlich tun. Reagieren ohne agieren zu können. Der Abend ruft Bilder hervor, die subjektiver kaum sein könnten. Jede*r Zuschauer*in wird etwas anderes sehen. Mithilfe von Licht und Wärme, Wind und Gerüchen wird eine Atmosphäre aufgebaut, die für kurze Zeit vergessen lässt, dass wir immer noch im Theater sind. 

Doch dann greift eine Hand nach meinem Arm und ich weiß, dass ich nicht verweilen kann. Sonst würde ich das Spiel, in dessen Regeln ich beim Betreten des Theatersaals stillschweigend eingewilligt habe, beenden. Und so mischt sich die Angst, eine Anweisung nicht zu verstehen, unter die Neugierde auf das weitere Geschehen. 

xweiss schafft es, die Fiktion gekonnt mit der Realität zu verbinden. Das Gehörte spiegelt sich im Geschehen – und umgekehrt. Ich spüre die Hitze einer Menschenmenge, höre ihre Gespräche, stoße mit ihr zusammen. Ohne sehen zu können, müssen sich die Teilnehmenden in die Geschichte einfühlen. Eine Geschichte, die von Krieg handelt, von Familie und von Heimat. Teils spielerisch, teils beunruhigend nähert sich xweissThemen aus einem aktuellen Diskurs, dem sich das Theater seit einiger Zeit angenommen hat und der sich auch in der Festivalauswahl von Best OFF wiederspiegelt. In welcome to the comfort zonewerden aus mündigen Zuschauenden fremdbestimmte Teilnehmende, die die Angst des Krieges erfahren sollen – geleitet durch eine schützende Hand. 

Diese Widersprüchlichkeit des Theaterspiels auf der einen Seite und der imaginierten Kriegserfahrung auf der anderen Seite hinterlässt ein ambivalentes Gefühl. Inwiefern kann ein Theaterabend die Angst des Krieges erfahrbar machen? Ist dies in der Komfortzone des Theaters überhaupt möglich? Und wie weit müssen wir unsere eigene Komfortzone verlassen, um uns auf eine  Erfahrung einzulassen? An diesem Abend hätte ich meine comfort zone gerne noch ein Stück weiter verlassen, doch das soll jede*r Zuschauer*in selbst für sich entscheiden.

Johanna Marie Großmann studiert im Master Kulturvermittlung mit Schwerpunkt Theater an der Universität Hildesheim. Neben Projekten in Deutsch als Zweitsprache und der Arbeit als freie Autorin für Schulbücher ist sie begeisterte Theaterbesucherin und vereint so ihre beiden Studienschwerpunkte: Sprache und Kultur.