26. April 2016 // Mona Rau

[?][?][?] Wie ein großes Fragezeichen-Paket

Murmeln, abgepackt in kleinen Plastiktütchen. Das erste, was man als Zuschauer von „La Casa“ vorfindet, wenn man sich auf seinem Platz niederlässt. Die Erwartungen an das Stück sind hoch – besonders, wenn man selbst einmal zu den eifrigen „The Sims“-Spielern gezählt hat, die sich stundenlang mit dem Auslegen von Teppichböden, Platzieren von Buchsbaumkugeln und den Bedürfnis-Balken der „Sims“ unterhalten konnten. Murmeln hat man da eher weniger erwartet.

Dann geht es los. Im Dunkeln fällt der Blick sofort auf die große, leuchtende Leinwand auf der Bühne: „La Casa!“ hallt es plötzlich durch den Raum und das farbige Spiellogo blinkt auf. Erstes Lachen unter den Zuschauern. Automatisch werden 48 Spieler ausgewählt, die Anzahl der anwesenden Zuschauer. Nachvollziehbar. Als jedoch nacheinander die „Spielfiguren“ auf die Bühne treten, stellt sich heraus, dass sich die Spieler nicht wie bei „The Sims“ austoben dürfen – die Regeln sind anders und anstatt die Charaktere selbst zu erschaffen, muss sich das Publikum mit Fredo, Manfredo, Slorgor, Pedrolino und Chorizo zufrieden geben.

Pling! Auf dem „Bildschirm“ erscheinen ein gelbes und blaues Kästchen mit jeweils einer Option. Eine Entscheidung muss gefällt werden zwischen dem Abspielen des Intros oder dem Bau eines Hauses. Doch wie sollen 48 Zuschauer gleichzeitig das Spiel in die Hand nehmen? Die Lösung ist äußerst raffiniert und führt direkt unter den Stühlen der Zuschauer entlang: Zwei Murmelbahnen, gelb und blau. Die Stimmung steigt und jeder freut sich wie ein kleines Kind darüber, dass er mit einer seiner Murmeln an dem Rennen teilnehmen und so seine Stimme abgeben kann. Eins steht bereits nach der ersten Szene fest: Das Kollektiv konnte die Zuschauer mit dieser Idee jetzt schon für sich gewinnen. Fest steht auch, dass es nun ans Werk geht: Die Mehrheit hat für den Bau des Hauses gestimmt. Und das lässt sich sehen!

Während motivierende Hintergrundmusik in Dauerschleife abgespielt wird, entsteht nach und nach das Fundament des Hauses, bestehend aus Stahlträgern, Holzpaletten und Teppichboden: „Ist ja cool...“, murmelt eine Zuschauern, als nach ein paar Minuten tatsächlich ein kleines Wohngebilde entstanden ist. Über die Bewegungsabläufe der fünf Jungs lässt sich allerdings streiten. Irgendwo zwischen Roboter und Realität. Mal so, mal so. Eher inkonsequent.

„Solides Fundament“ blinkt in Großbuchstaben auf der Leinwand auf. Aber gilt das auch für den weiteren Verlauf des Stücks? Das „Fundament“ mit seinen wackligen Stahlträgern und Holzpaletten erscheint nicht sehr standfest...

In der folgenden Stunde unterstützt das Publikum seine Jungs immer wieder mit einer Murmel bei Entscheidungen und beim Entdecken ihrer Fähigkeiten, verabreicht riesige Energiepillen, lässt den Postboten mit einer Beton-Fachzeitschrift vorbeikommen und Akrobaten in Leopardenleggings auftreten. Mit der Zeit sinken allerdings die Energiebalken der Darsteller und man fragt sich, wie es wohl gerade um den Stimmungsbalken der Zuschauer steht. „Die Arbeit am Haus kommt voran. Stunden werden zu Tagen, Tage zu Wochen, Monate zu Jahren und Jahre dann wieder zu Tagen“ heißt es im Stück und nach einer knappen Stunde, gefüllt mit langsamen Bewegungen, ruhiger Klaviermusik und einfachen Abläufen, erscheinen die Minuten tatsächlich wie Stunden.

Doch die Jungs geben sich nochmal einen Ruck: Die Musik wird lauter, schneller, vor uns entstehen auf einmal ein Balkon, eine Sauna und ein Golfplatz. Den absoluten Höhepunkt erreicht das Spiel schließlich durch eine Bombe in einem Fragezeichen-Überraschungs-Paket, welches von dem Postboten, ähnlich wie bei „The Sims“, einfach vor die Haustür geknallt wird. Spätestens nachdem einer der fünf sich opfert und mit „Wrecking Ball“ wieder aufersteht, wirkt das Stück tatsächlich wie ein großes Fragezeichen-Paket.

Trotz raffinierten Einbeziehens des Publikums und ansprechender Ästhetik des Bühnenbildes, bleibt ein großes Fragezeichen zurück. Was wurde überhaupt erzählt, mal abgesehen davon, wie man in kürzester Zeit ein kleines Spielhaus auf die Beine stellen kann. Ist das vielleicht die Botschaft von Thermoboy FK, die hinter der Darstellung steckt? Stecken wir zu viel Zeit in Computerspiele, in die Auseinandersetzung mit fiktiven Universen, die uns letzten Endes nichts geben? Sollten wir diese Zeit nicht lieber für die Welt aufwenden, in der wir leben?