// Tim Knott

Familie

Familie ist immer so ´ne Sache. Im besten Fall kommt man gut mit ihnen klar und im schlimmsten Fall bringen sie einen für einen günstigeren Platz in der Thronfolge um. Aber in der Regel kann man sie sich nicht aussuchen. Auch dieses Mal nicht.

Meine Familie für die nächsten eineinhalb Stunden besteht aus 19 weiteren Personen jeglicher Altersklassen, die ich wenig bis gar nicht kenne. Wir versammeln uns um einen rechteckigen Tisch, der mit vier Lautsprecherboxen an jeder Seite ein wenig wie die Verwaltungszentrale von B-Movie Geheimlogen wirkt. Nachdem alle sich gesetzt haben, beginnt der Tisch mit uns zu reden. Während des Monologs, in dem uns eine weiblich-roboterhafte Stimme über unsere neuen, intermobiliären Verwandschaftsverhältnisse aufklärt, werfen sich einige der Teilnehmer unsichere Blicke zu. Eine Unsicherheit, die ich teile, da ich mich vorher nicht erkundigt habe um was hier eigentlich geht. Doch viel Zeit zum überlegen bleibt mir nicht, da die Stimme anschließend ihr volles verbales Repertoire entfaltet und mich mit einem Fragenstakkato bombardiert, dass von banal (Pappteller oder echtes Geschirr für die Party?) bis irgendwie komisch (Hast du dich in der letzten woche ungerecht behandelt gefühlt?) reicht. Kritiker von Facebook und Co. werden sofort misstrauisch. Was will die Maschine mit diesen Infos? Will sie sie etwa...speichern?

Nachdem die Fragen (mal mehr mal weniger) wahrheitsgemäß beantwortet sind, ist der Höhenflug der Apparatur auch schon vorbei. Es gibt ein beinahe komisch wirkendes „ZackBummBoing“-Geräusch und es wird uns mitgeteilt, die Lautsprecherboxen seien zum Teil ausgefallen und wir müssten uns den Rest teilen. Blödes Timing, da diese Dinger gerade zum Abstimmen über die Regeln nötig sind, die wir im Plenum aufstellen sollen. Wir einigen uns schließlich doch auf etwas: Die älteste Person am Tisch ist unser Familienoberhaupt, kann aber paradoxerweise von der Jüngsten übertrumpft werden, Regelverstoß wird mit Witze erzählen geahndet und das Wort „Familie“ muss laut beklatscht werden. Das Gespräch am Tisch wird nun belebter, und immer mehr Familie(klatschklatschklatsch)nmitglieder führen ihre Lautsprecher ans Ohr um Anweisungen von der Stimme zu erhalten woraufhin sie sich Geschichten über den Inhalt ihrer Hosentaschen oder ähnliches erzählen. Ich bin so beschäftigt damit, dem Treiben um mich herum beizuwohnen, dass ich es erst komplett überhöre als mein Lautsprecher klingelt. Abwartend höre ich mir an, was die Stimme zu sagen hat.

Zwei Minuten später führe ich ein angeregtes Gespräch mit dem Familie(klatschklatschklatsch)nmitglied neben mir, dass sich um meine größte Zukunftsangst dreht, die seit Beginn der sechsten Staffel Walking Dead jede Menge Zombies beinhaltet. Wir unterhalten uns immer noch, als das Essen kommt, von dem ich bisher angenommen hatte, dass es aus Requisiten bestehen würde, bei dem es sich aber tatsächlich um sehr guten Butterkuchen handelt. Auch Sekt wird ausgeschenkt. Der Fakt, dass theoretisch auch die Minderjährigen etwas davon abhaben können, stößt auf erstaunlich wenig Widerstand, was die Organisatoren zum Anlass nehmen um eine Diskussion über die Definition von „Erwachsenen“ zu beginnen. Kaum hat man den angestoßenen Gedankengang zu Ende geführt, geht es auch schon mit einem Quiz weiter, das die Kinder für sich entscheiden können, da keiner von uns „Erwachsenen“ mehr weiß, wie die Pferde von Bibi & Tina heißen. Hier merkt man den Zeitplan, den die Organisatoren einhalten müssen, zum ersten Mal ein wenig. Dennoch wird die Konferenz schließlich sehr unaufgeregt mit einem vorgetragenen Lied und eingespielter Konserven- Lagerfeuerromantik beendet.

Wir applaudieren. Die Familie(klatschklatschklatsch) fühlt sich bestens unterhalten.