25. April 2016 // Hannah Ludwig

Es geht darum zu provozieren, zu verstören...

Die Bühne ist leer. Bis auf eine Leiter, ein Lautsprecher mit Mikrofon und einen Haufen Dildos. Irgendwie abzusehen bei der Stückbeschreibung „Dada-Dildo-Derrida-dekonstruktivistisch“. Zwei Frauen begrüßen das Publikum. Isabel Schwenk und Marja Christians. Sie sind jung, weiß, schön, weiblich. Und sie stehen als Isi und Marja auf der Bühne. Oder eben als Judith. Oder eben einfach nackt.

Das Kollektiv Schwenk/ Christians bezeichnet sich selbst nicht als Regisseurinnen, sondern als Performerinnen, die einfach „machen“ und dadurch einen anderen Zugang zu dem Stoff entwickeln, der auf der Bühne gezeigt wird. Denn der Zuschauer merkt von Anfang an, dass es hier nicht darum geht die Geschichte nachzuerzählen, sondern lediglich deren Strukturen aufzugreifen, nämlich Hebbels Tragödie Judith in 5 Akten. Oder die Geschichte der „Kopf-ab-tötenden-Frau“, welche Holofernes den Tod wünschte. Oder einfach die „boy meets girl story“ - und das Ganze mit einem wahrhaftig körperlichen Zugriff.

Die Zuschauer werden vorgewarnt: Das Stück kann Irritationen oder gar Aggressionen auslösen. Es wird gelacht. Der erste Akt beginnt. Das Licht in den Zuschauerreihen bleibt jedoch an. Später wird ein Mann in der Nachbesprechung beschreiben, dass er diese Situation als Bruch der klassischen Verabredung – Bühne/ Publikum – empfunden hat.

Und genau darum geht es dem Kollektiv. Eine knallharte Konfrontation des Publikums mit der nackten Wahrheit. Den nackten Körpern von Isi und Marja, die sich im Laufe des Stücks freizügig über die Bühne bewegen, Muskeln spielen lassen, sich der Dildos in vielen Variationen als Körperschmuck bedienen und sich gegenseitig an Scharmhaarperücken spielen.

Es ist echt. Denn ein nackter Körper kann nicht lügen. Sie schwitzen, sie trinken, sie haben Haare an den Beinen und auf der Brust. Sie sind rasiert, sie sind lockig, sie haben einen Undercut und sind blond. Sie tragen eine Brille und keine Unterhose. Sie sind vielfältig. Unterschiedlich und doch eins. Judith. Und bereits nach dem zweiten Akt, in dem die Performerinnen in das Publikum gehen und das Thema Befriedigung ihrer Freundinnen anschlagen - ob nun mit Vibrator, der auf jeder Flugreise dabei ist, mit der Zahnbürste oder sämtlichen Wasserdüsen in öffentlichen Hallenbädern – kann einem der inhaltliche Zusammenhang zu Hebbel schnell gänzlich verloren gehen. Das ist aber auch egal. Denn hier geht es um etwas anderes. Es geht darum zu provozieren, zu verstören und das Publikum dabei genau im Blick zu behalten. Man ist konfrontiert mit der nackten Wahrheit.

Und diese zieht sich auch noch weiter vom 3. bis zum 5. Akt, in der Judith als hysterische Frau zu sehen ist und als selbsternannten ersten Höhepunkt ein riesiges Standbild von sich baut. Einzelne Szenen werden laut den Darstellerinnen aus verschiedenen Gründen ausgelassen. Unter anderem, da das körperliche Wohl vorgeht, oder einfach nur ein Gespräch über Judith stattfand.

Holofernes wird schließlich geköpft. Erneut ein ausdrucksstarkes Bild, welches auch doppeldeutig als Menstruation der Frau gesehen werden kann. Die eine Darstellerin sitzt auf den Schultern der anderen und dreht dem Publikum den Rücken zu. Roter Saft symbolisiert das Blut, welches schwallartig zwischen den Beinen der einen den Rücken der anderen hinunterläuft.

Der quasi zweite Teil der Inszenierung - das Nachgespräch im Dunkeln -gibt dann endgültige Klarheit über die Gedanken und Gefühle der Zuschauer. Wo vorher präzise von den Darstellerinnen drauf geachtet wurde, strengen Blickkontakt mit dem Publikum zu halten, sie auszuleuchten und ihre Reaktionen wahrzunehmen, ließen Isi und Marja nun eine PowerPoint mit Fragen – gerichtet an das Publikum - über einen Laptop laufen. Sie selbst unterließen dabei jeglichen Kommentar und überließen auch den Gesprächsfluss gänzlich den Zuschauern. Der Saal wurde abgedunkelt. Plötzlich herrschte Anonymität. Es sollte dazu anregen, dass jeder offen seine Meinung mitteilen kann. Aber widerspricht nicht genau das dem Prinzip des ersten Teils? Geht es nicht genau darum Tabus in dieser Gesellschaft zu brechen? Auszusprechen und auszuleben wofür man steht?

Viele Männer gaben zu, beschämt gewesen zu sein. Nicht gewusst zu haben, wo sie hätten hinsehen sollen. Anderen Zuschauern war es unangenehm, dass sie lachen mussten. Wieder andere fanden das gegenseitige Streicheln des Scharmhaars irritierend. Andere als zärtliche Geste, die man schließlich auch an sich selber kennt. Man merkte wie wichtig dieses Nachgespräch war. Denn vielen lag es auf dem Herzen das provozierende Gesehene zu verarbeiten, einzuordnen, sich selbst eine Meinung zu bilden und mitzuteilen.

Die Performance regte definitiv dazu an, nachzudenken. Der Abend richtete, anders als andere feministisch angehauchte Projekte, nicht seinen Finger auf angebliche „Tatsachen“. Im Gegenteil brach die Performance ganz einfach Tabus und überließ es jedem Einzelnen damit auf seine Art und Weise umzugehen. Lachend, luftanhaltend, schimpfend. Und ganz vielleicht bewirkte es auch bei dem ein oder anderen darüber nachzudenken, ob „Sexualität“ nicht einfach etwas Natürliches ist. Das man sich wegen ihr oder aufgrund seines Körpers nicht schämen muss.

Isi und Marja symbolisierten Judith. Sie waren nackt. Nicht mehr und nicht weniger.