// Charlotte Schönnagel

Tell, then show

Die beiden freien Ensembles theater fenster zur stadt und die theaterwerkstatt hannover entwerfen in ihrer Inszenierung für junges Publikum eine Geschichte der Flucht, des Weggehens und Ankommens: Toda muss fliehen. Und das alles nur, weil die einen gegen die anderen kämpfen. Dabei wandelt sich ein Stapel Schaumstoffmatten auf der Bühne vom Haus zum Bus, zum Schlafplatz, zum Auto, es werden Lieder gespielt und gesungen, Kleidung gewechselt, Kuscheltiere auf der Bühne verteilt. Alle Vorgänge wirken transparent, nachvollziehbar. Die Schauspieler_innen führen erzählend durch die Fluchtgeschichte Todas. Von Beginn an liegt der Fokus auf der Sprache, welche damit zu einem wichtigen Element der Inszenierung wird. Anfängliche vermittelt sich der Eindruck, die Sprache sei mit Absicht einfach gestaltetet und somit, angeblich, kinderfreundlicher. Zum Glück verschwindet dieser Eindruck aber nach und nach. Die Sprache bleibt deutlich und einfach aber die Themen und Einzelschicksale werden zunehmend differenzierter erzählt, die Ernsthaftigkeit des Themas liegt in der Luft. „Vater wachsen Äste aus dem Körper. Da, wo sie rauswachsen, sind kleine Löcher. Seine Äste sind kahl, bei meinem Vater ist Winter.“ Poetische Sätze wie diese treten auf, während Toda träumt. Die Schauspielerin, die Toda verkörpert, liegt auf einer der Schaumstoffmatten, bewegt Arme und Beine, hält die Augen geschlossen. Das Licht ist blau, tragende Musik wird live per E-Gitarre von einem der Schauspieler eingespielt. Die Atmosphäre in dieser Szene ist bedrückend – trotz oder gerade wegen umher liegender Kuscheltiere, der farbenfrohen Kleidung Todas, der einfachen Sprache und der ruhigen Musik. Denn die Diskrepanz zwischen kindlicher Geborgenheit und ungewisser Zukunft der Hauptfigur schleicht sich mehr und mehr in die Inszenierung ein und wird, obwohl es eine Inszenierung für Kinder sein soll, von dem überwiegend erwachsenen Publikum schweigend aufgenommen. Trotz des ernsten Themas bleiben ein gelegentliches Lachen oder Schmunzeln von Seiten der Zuschauenden nicht aus, zum Beispiel als Toda sich auf der anderen Seite der Grenze mit einer neuen, für sie unverständlichen, Fantasiesprache konfrontiert sieht. Auch hier ist wieder die Gewichtung der Sprache zu erkennen, welche die Stimmungen der erzählten Geschichte am stärksten prägt. Die visuelle Ebene allein, die Nutzung der Schaumstoffmatten, der Requisiten und der Kleidungsstücke, würde in diesem Fall nicht reichen, um diese dichte und spannende Geschichte nach dem Prinzip des show, don't tell zuzeigen. Sind zwar die Nutzungsmöglichkeiten der Schaumstoffmatten vielfältig und die damit erschaffenen Umgebungen und Gegenstände fast eindrücklich simpel, sind sie doch auch vorhersehbar und werden erst durch die erzählte Geschichte belebt. Stapeln die Schauspieler_innen vier kleine Schaumstoffmatten auf eine große, sind diese schnell als Fahrzeug oder, genauer, als Auto erkennbar. Diese häufig berechenbaren Aktionen werden aber mit Erfolg durch die sprachliche Ebene ausgeglichen und ergänzt. „Wir sind mit dem Auto schon mindestens vier Stunden gefahren, als es unter einem großen Baum hält.“ Die Schauspieler_innen „fahren“ auf dem Schaumstoffmattenauto, hüpfen dabei auf und ab. Als das Auto hält, empfinden sie das Abbremsen mit einer Bewegung nach und blicken dann nach oben, wo auf diese Weise der imaginäre große Baum entsteht. So folgt diese Inszenierung eher dem Prinzip des tell, don't show, beziehungsweise dem tell, then show. Die Geschichte wird erzählt und visuell ergänzt. Und das funktioniert trotz oder gerade wegen der Einfachheit des Prinzips mit großer Überzeugungskraft. 

Charlotte Schönnagel studiert seit 2016 an der Universität Hildesheim Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis mit den Schwerpunkten Literatur und Theater. In ihrer Freizeit entwickelt und dreht sie unter anderem mit einer Theater AG Filme, die in Kinos wie der „Schauburg“ in Bremen gezeigt wurden.