// Michel Graver

Unglaublich abgefuckt...

Keller. Kellergewölbe. Du gehst in ein dunkles Kellergewölbe. Rot und bläulich beleuchtet. Über dem Eingang steht „Mädchen“. Der dunkle Raum im – sagen wir – kreativen Stil eigerichtet, ist gut gefüllt. Du suchst Dir einen Platz. Du findest einen. Da keine Menschen mehr in den Raum kommen, erwartest Du, dass das Stück beginnt. Du irrst Dich, denn weder Beleuchtung noch Technomusik ändern sich. Du beginnst ein Gespräch mit den Menschen, mit denen Du da bist.

Du erwartest nichts. Du erwartest nichts, denn jede Erwartung sorgt in ihrer meist entstehenden Komplexität nur für eine später in einzelnen Punkten folgende Enttäuschung, oder? Du kannst auch wenig erwarten, denn der Titel “Haus” gibt Dir doch recht wenige Hinweise, obwohl das Haus - also irgendein recht beliebiges Haus – später genau das Symbol ist, was häufiger Bestandteil der Inszenierung des Theaterkollektivs “Operation Wolf Haul” (unter Regie von Volker Bürger) ist.

Jakob (Jakob Benkhofer) ist frustriert und unglaublich abgefuckt (Selbstbeschreibung!), daher geht er zu einer Künstlertherapie und lernt dort Tim (Tim Golla) kennen. Tim ist seltsam. Tim sitzt in einer Badewanne und spielt DJ, Tim steckt seinen Kopf in eine Tiefkühltruhe und da er das in Supermärkten tun darf, liebt er Supermärkte. Es ist ein seltsames und ziemlich abgefucktes Vorhaben, wenn sich die beiden in ein Kellergewölbe begeben und die Lebensgeschichte von Jakob erzählen. Und Du bist dabei. In dem Kellergewölbe. Du darfst den Sand künstlerisch mit der immer wiederkehrenden, “kreativen” Bewegung, die Jakob kreiert hat, bearbeiten, so wie es auch in der Therapie getan wird. Wunderbar.

Jakob ist abgefuckt. Er erzählt seine Lebensgeschichte, Tim unterstützt ihn dabei, indem er technoartige Musik einspielt. Diese Verbindung ist wunderbar. Seltsam. Schräg. Du bekommst Einblicke in Jakobs Leben und seine Entwicklung zu dem, der er nun ist: Ein therapiebedürftiger Mann, der uneigenständig und unterwürfig aus frustrierenden Verhältnissen kommend nach einem kleinen Bisschen Anerkennung sucht. Die Inszenierung ist schräg, sehr schräg. Doch: Jeder Gegensstand in dem Kellergewölbe hat eine Funktion. Jeder. Jakob und Tim spielen auf beeindruckende Weise mit Licht (alle möglichen Clubbeleuchtungsvarianten) und Ton (alles selbst gemixt und über Loopstation eingespielt). Das Bühnenbild. Naja, welches nun genau? Sie sind im Kellergewölbe, eine kleine Kneipe, Tische, Stühle und ziemlich viel Zeugs, alles wird verwendet – auch der dialose Diaprojektor. Du bist begeistert.

Du bist verwirrt. Eine Art Collage verschiedener Eindrücke, Sequenzen eines Lebens, die durch ihre Zusammenstellung eine lachhafte (also ziemlich lustige) Naivität präsentiert. Dir wird das Stück trotzdem etwas sagen, mal mehr oder weniger mehr als nur ein Bericht eines traurigen Lebens; Du wirst lernen, was Du besser tun solltest, um nicht in der Künstlertherapie enden zu müssen. Du kannst zum Beispiel lernen, dass Du Deinen eigenen Weg gehen und nicht nur versuchen solltest, danach zu streben, anderen Menschen zu gefallen (auf keinem Fall dem Chef des Sanitärunternehmens, für das Du vielleicht arbeitest!), sondern lieber Dir selbst! Tu das, was Du willst!

Du bist überrascht. Du lachst viel. Du bist verwundert. Du bist gespannt, was Dich so erwartet, Du erwartest nichts. Du bist so gespannt auf die (nächste) Produktion der Operation Wolf Haul, wie auf Dein Leben – Du erwartest fortan nicht, dass Du irgendjemandem gefällst.

Michel Graver studiert Deutsch und bald auch Religionswissenschaft und Politikwissenschaft in Göttingen. Er ist kein Regisseur am Schauspielhaus Zürich, eine Inszenierung seines bislang unveröffentlichten ersten Dramas war kürzlich nicht beim Heidelberger Stückemarkt.