// Alexandra Maria Ketterer

Authentizität von Verletzlichkeit

Die beiden Performer*innen machen sich groß, drücken die Brust raus, die Schulter nach hinten. Sie strecken die Arme mit geballten Fäusten in die Höhe und schlagen sich auf die Brust, drohen sich gegenseitig, messen ihren Mut. Doch im nächsten Moment scheinen Muskeln und Gelenke nicht mehr zu funktionieren. Die beiden fallen in sich zusammen als wäre ihnen die Körperkontrolle abhanden gekommen.

Um das Fallen dreht sich dieser Abend – im Stück Gala von Landerer&Company wird die Authentizität von Verletzlichkeit innerhalb einer Tanzperformance verhandelt. Die „Gala“ wird durch kleine Stücke strukturiert, die sich mit Unsicherheiten und Selbstinszenierungen beschäftigen. Die Performer*innen suchen mit neugierigen Blicken und großem Verbeugen nach bestätigenden Reaktionen im Publikum, ringen mit sich selbst, über- und unterschätzen sich, trauen sich, scheitern und richten sich unter großer Anstrengung wieder auf.

Im Vorgespräch erklärt Choreograph Landerer, dass das Hauptanliegen der Inszenierung ist, sich nicht hinter großen Gesten zu verstecken, sondern persönliche Unsicherheiten für die Zuschauenden transparent zu machen. Besonders deutlich wird diese Verletzlichkeit, als eine Performerin, die sich in der ihr gezollten Aufmerksamkeit überhaupt nicht wohl fühlt, beinahe in ihrem Kleid verschwindet. Im weiteren Verlauf traut sie sich dann doch aus dem Kleid und gibt ihre verletzlichsten Körperstellen dem Publikum frei. Im Laufe der Inszenierung werden Selbstzweifel, intime Machtkämpfe und Unsicherheiten thematisiert, die die Tänzer*innen im Scheinwerferlicht überkommen. In einem Stück erinnern die Bewegungen und Gesichtsausdrücke an die Selfie-Ästhetik und die codierten Posen der digitalen Netzwerke. Die Performer*innen scheitern am Versuch, aus dieser synchronen Choreographie herauszustechen und entlarven die falsche Individualität der digitalen Selbstinszenierung.

Nachdem schon im Vorgespräch der dramaturgische Ansatz differenziert erläutert wurde, endet das Stück mit einer Zugabe, in der eine Stimme aus dem Off über alles Gesehene philosophiert. Es scheint, als würde der Choreograph der Vermittlung seines Anliegens durch die gezeigten Bewegungswelten nicht trauen. Das ist schade, denn auch ohne diesen pädagogischen Duktus wird dem Publikum die verhandelte Thematik anschaulich vermittelt.  

Alexandra Maria Ketterer studiert nach Aufenthalten in Berlin und Kanada Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Sie ist Redaktionsmitglied bei Litradio.de und schreibt Rezensionen für den Schauspiel Hannover Blog und die Hildesheimer Allgemeine Zeitung.