// Mathias Müller

Gender-Debatte, die „Mann“ nur verlieren kann

„Es wird explizit“ und man könne sich „provoziert“ fühlen, waren die Hinweise im Voraus an die Zuschauer, live gesprochen von Issy und Marie. Gezeigt werden sollte dem Titel nach „Judith“ von Hebbel, doch in der Freien Szene weiß man bereits, dass meistens nicht das drin ist, was der Titel verspricht.

Eine kurze Einleitung in den ersten Akt von Judith, eine peinlich witzige Plauderei im Publikum über alte elektrische Zahnbürsten, die sowohl auf der Glatten sowie auf der rubbeligen Seite zum Orgasmus führen und Orte, die sich hervorragend eignen zur weiblichen Selbstbefriedigung. Zwischendurch, drückende Ruhe im Raum, das beleuchtete Publikum mit den Augen mustern, zurück auf die Bühne, ein letztes Pressefoto und runter mit der Kleidung.

Was nun folgt, ist eine aneinander Reihung von szenischen Akten, gesprochen werden Kommentare zum Inhalt, die auch aus einer dilettantischen Internet Zusammenfassung stammen könnten.

Selbstverständlich ist „Judith“ nur der Mantel, unter dem sich die ausgestellte weibliche Nacktheit versteckt. Es passiert nicht viel. Man sieht eine riesen Judith, aus zwei nackten aufeinandersitzenden Frauen und einem weißen Vorhang, man klaut sich aus der Scham der Anderen eine Perücke und bedeckt damit seine eigene Scham, Dildos werden auf der Bühne verteilt und zu einer Halskette zusammengesteckt. Ein Einhorn, mit einem Dildo als Horn bewegt sich über die Bühne, und aus der Kombination von Po Schamlippen und weiblichen Rumpf entsteht das Gesicht einer Opernsängern welche in den höchsten Tönen „zieh das Schwert aus der Scheide“ trällert. Dazu kommt das wieder und wieder verbalisieren von „wir sind nackt“.

Das was die Performance ausmacht, ist, und hier spreche ich aus meiner Sicht, das Licht im Publikum, die Pausen, und die Blicke von Marie, die einen kalt, berechnend und selbstbewusst treffen und man kurz in sich geht und seine Mimik, die Fokussierung der Augen und sein voran gegangenes Lachen kritisch hinterfragt. Man hat Angst vor der falschen Reaktion, gleich wenn man weiß, dass es diese nicht gibt.

Es ist nicht der nackte weibliche Körper, der provoziert, sondern die übergestellte Position der Performerinnen ,die Selbstbewusstsein und Arroganz ausstrahlt, sie sagt: „ich bin Nackt, ich habe ein Dildo in der Hand, und du weißt noch nicht, dass ich den gar nicht benutzen werde.“

Dieses unkreative um sich werfen von den eh schon offensichtlichen Begebenheiten, gepaart mit der hoch gehaltenen Erwartung an den endgültigen, bahnbrechenden Schockmoment (denn diesen beiden Femen ist offensichtlich alles zu zutrauen) lösen Nervenkitzel sowie Unterforderung aus, und man möchte sich melden, aufstehen und sagen, ja ich hab verstanden was ihr in mir auslösen und erreichen wollt.

Doch die wahre übergeordnete Stellung der Darstellerinnen wird erst beim Nachgespräch im Dunkeln deutlich. Nach 10 minütiger Pause geht es zurück in den Raum, Licht aus, ein Laptop mit einer Präsentation von 8 Fragen. Die ersten Fragen über das, was es mit einem macht, im Licht zu sitzen, übersteht man noch haarscharf an der Debatte vorbei, zwar wird in den Raum geworfen, dass die „normale Verabredung“ nicht bedient wurde, doch das wurde schnell nichtig. Die Frage danach, wo der Blick war, als sich der Performerinnen gegenseitig in den Schambereich fassten, läutet die Glocke zur Gender-Debatte, die „Mann“ nur verlieren kann. Sexualisiert, ja irgendwie schon, aber eigentlich auch egal.

Issy und Marie sitzen währenddessen aufmerksam mit im Raum, lachen über die Kommentare und genießen das rumdrucksen der Männer, und die Oberhand der Frau.