// Gülgün Sen

C:\ > run la_casa.exe

Eine schräge Musik (Recherchen haben ergeben, dass die Musik der Soundtrack zu 'Super Street Fighter IV' ist) und wiederverschließbare Plastiktütchen auf den Sitzen, in denen sieben Murmeln stecken. Auf der Leinwand erscheint ein Bildschirm, der das Programm 'La Casa' ankündigt. Kurz danach wird deutlich, dass es sich hierbei um ein Computerspiel handelt. Der Schwierigkeitsgrad wird festgelegt; die Anzahl der Spieler beläuft sich auf 48 (das sind nämlich wir, das Publikum). 48 Spieler × 7 Murmeln ergeben 336.

336 Murmeln sollen also den ganzen Abend durch die zwei metallenen Leitungen – eine grün, die andere blau markiert – unter den Sitzen gleiten und über Pedrolino, Slorgor, Manfredo, Chorizo und Fredo, den Charakteren des Spiels, entscheiden. Auch diese fünf sind gekennzeichnet durch eine bestimmte Farbe, die sich in ihren Kleidungen und auf ihren gekritzelten Profilbildern auf der Leinwand wiederfindet.

Nun kommen die Murmeln ins Spiel. Die Spieler, also das Publikum, soll sich im Laufe des Abends mehrmals zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden. Jede dieser ikonischen und auf der Leinwand abgebildeten Möglichkeiten ist, entsprechen der Leitungen, mit einer Farbe unterlegt. Nachdem der Zuschauer in den unterschiedlichen Situationen seine persönliche Entscheidung getroffen hat, lässt er also eine Murmel in die jeweilige Leitung rollen. Die Entscheidung, die als erstes 22 Punkte sammelt, wird von den fünf Charakteren ausgeführt. So muss sich das Publikum in 'La Casa' folgende Fragen stellen: 

1. Soll das Intro zum Computerspiel 'La Casa' gespielt oder übersprungen werden?

2. Wie soll der von der Arbeit erschöpfte Manfredo wieder Energie auftanken?

3. Fredo möchte sich Freunde bauen, die spielen, was er will. Was genau soll er mit Chorizo, Manfredo, Slorgor und Pedrolino anstellen?

4. Pedrolino fehlt die geistige Herausforderung. Soll er 'Schöner wohnen' oder 'Beton heute' zu seiner täglichen Lektüre machen? (PS: Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden Zeitungen war beachtlich und hat die Zuschauer sogar dazu veranlasst, ihre Favoriten im Spiel anzufeuern!).

5. Soll inmitten der Vorstellung eine Pause eingelegt werden? Alternativ dazu gäbe es einige Zirkusnummern.

6. Der geborene Entertainer Slorgor möchte Stimmung machen. Mit Youtube oder doch lieber mit einem Saxophon?

7. Hier gibt es keine Frage. Na ja, eigentlich schon, aber ich kann sie nicht formulieren, da mir das Bildchen mit dem Vulkan nach wie vor ein Mysterium ist. Jedenfalls war auf der Leinwand zu sehen a) ein Paket mit einem Fragezeichen und b) ein Bildchen mit einem Vulkan. 

Was nun passiert wäre, wenn Chorizor die Geschichte hinter dem Vulkan ausgeführt hätte? Das würde ich wirklich allzu gerne erfahren. Insbesondere diese Frage, das 'Was wäre gewesen, wenn?", verleiht 'La Casa' nämlich ein gewisses Etwas, sodass es sich lohnen würde, das Stück (oder Spiel) mehrfach anzusehen. Das Publikum begleitet de facto die Entwicklung einer Kameradschaft und das Voranschreiten der Konstruktion ihres gemeinsamen Hauses. Wir sehen, wie aus dem soliden Fundament zuerst ein Palast der Könige und dann ganz plötzlich und unerwartet einsame Inseln werden. Letztlich ist es doch eine Geschichte über Freundschaft, die einen am Ende trotz der vielen unterhaltsamen Momente sogar ein klein wenig traurig stimmt.  C:\ > shutdown now