// Xenia A. Jöst

Verblasstes Foto, auf dem die Farben nicht mehr so richtig erkennbar sind

Vier Menschen sitzen auf dem Boden. Eine leere Leinwand. Als das Publikum seinen Platz eingenommen hat, wird eine Stimme eingespielt, die beschreibt was wir sehen sollten. Eine Gruppe von Menschen ist auf eine Reise nach Lausitz gegangen, scheinbar ein einsamer Ort voller Braunkohlewerke und Wölfe. Dann wird doch ein Video gezeigt. Man sieht verlassene Orte und eine Frau, die in einem Wald steht und erzählt, wie es früher war.

Es gelingt mir nicht, mich darauf einzulassen. Anfangs versuche ich, es einfach nur wie eine Präsentation zu sehen. PowerPoint-Stile. Dann wie ein Hörspiel, dann ein eigenartiges Theaterstück. Doch alles funktioniert nicht wirklich. Das Ganze wirkt auf mich wie ein verblasstes Foto, auf dem die Farben nicht mehr so richtig erkennbar sind und alles was man will ist, dass sich die Farben wieder verstärken und man genau erkennt was da ist und etwas Echteres hat, etwas Starkes. Gruselig. Ich fühle mich nicht wohl und verstehe nicht ganz was passiert. Ich warte darauf, dass etwas geschieht was ich greifen kann.

Im Laufe des Stückes bekommen wir Videos gezeigt, in denen Wölfe vorkommen; Einer ist verletzt und versucht sich davon zu schleppen. Zwei Wölfe die kämpfen und aufeinander losgehen. Auf einem dritten Video wird ein kleinerer Wolf von hinten gefilmt und dann sehen wir, wie er sich umdreht und scheinbar den Filmenden angreift. Jemand im Publikum lacht. Mehrere Leute. Und ich verstehe nicht. Ich kann darin nichts Lustiges sehen, ich bin irritiert und will nur wissen was los ist will, dass sich etwas auflöst und ich mehr Klarheit gezeigt bekomme. Dabei ist es mir auch egal ob das auf den Videos echt ist oder nicht.

Nach den ersten Videos werden die „Schauspieler“ selbst zu Wölfen. Sie krabbeln auf allen Vieren langsam nach vorne Richtung Publikum. Immer wieder halten sie inne oder fallen in sich zusammen. Sie sind verletzt oder krank oder… Es ist traurig. Als Zuschauer auch schön, weil etwas passiert, was näher ist, als die Bilder auf der Leinwand, von einem Ort an dem wir noch nicht waren.

Dann lösen die Vier das Bild auf und setzen sich nach vorne an den Bühnenrand. Sie brechen aus und erzählen uns noch einmal etwas, was auch die aufgenommene Stimme schon so ähnlich berichtete: „Wir fuhren in dieses Land…“. Nun sieht man auf der Leinwand ein aufgenommenes Video von den Vieren, wie sie da am Bühnenrand sitzen und nochmal genau das gleiche sagen, mit den gleichen Bewegungen wie eben. Sie sprechen live mit und bilden einen Sprechchor mit sich selbst. Ein witziger Effekt. Sie verschwinden und bitten das Publikum, auf der Bühne Platz zu nehmen. Alle folgen gehorsam. Mich umschleicht wieder das Gefühl, dass gleich etwas passieren könnte. Auch wenn ich mir klarmache, dass ich mich schon nicht erschrecken werde, es hilft nichts. 

Schließlich tauchen die vier im Dämmerlicht mit Indianerschmuck oben hinter den jetzt leeren Zuschauerreihen auf, und kommen zu uns runter. Es erscheinen Nebelschwaden, die die Sitze um wabern, dazu die passende Musik. Dabei wird überflüssigerweise auf der Leinwand wieder kommentiert, was wir sehen. Und dann ist es endlich vorbei und das ersehnte Gefühl von Erleichterung bahnt sich schüchtern seinen weg in mir.